Verbindungen zwischen GVO-Industrie und GVO-Gremium bei der EFSA in Brüssel

F. William Engdahl

Wahrscheinlich hat kaum jemand jemals von der Brüsseler EU-Behörde gehört, die für unsere »Lebensmittelsicherheit« verantwortlich ist. Das scheint den Verantwortlichen auch ganz recht zu sein, denn bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit scheinen skandalöse Interessenkonflikte zu herrschen, beispielsweise finanzielle Bindungen an Organisationen, die von den großen GVO-Agrobusinesskonzernen finanziert werden.

2002 hat die Europäische Union in Brüssel die EFSA eingerichtet. Auf der offiziellen Website wird deren Aufgabe folgendermaßen beschrieben:

Aufgabe der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ist die unabhängige wissenschaftliche Beratung in Bezug auf alle Fragen, die sich unmittelbar oder mittelbar auf die Lebensmittelsicherheit auswirken, einschließlich Tiergesundheit, Tierschutz und Pflanzengesundheit. Die EFSA wird ferner in Fragen der Rechtsetzung der Gemeinschaft zur Ernährung konsultiert. Die Behörde informiert die Öffentlichkeit in einer offenen und transparenten Art und Weise über alle ihren Tätigkeitsbereich betreffenden Belange.

Wissenschaftliche Integrität und Unabhängigkeit von der billionenschweren weltweiten Agrobusinesslobby sind unabdingbar, wenn jemand eine derart lebenswichtige Verantwortung übernimmt, wie sie den Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats der EFSA obliegt. Jetzt gibt es jedoch handfeste Beweise dafür, dass es um die wissenschaftliche Ethik bei den EFSA-Mitgliedern kaum besser bestellt ist als bei der Wissenschaftlichen Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO, die – wir erinnern uns – für den weltweiten Schwindel mit der Schweinegrippe-Pandemie verantwortlich war, den die Pharmaindustrie mit ihrer Hilfe verbreitet hat. Korruption in der Wissenschaft ist nicht neu, doch sie scheint eine alarmierende neue Dimension einzunehmen, da in finanzieller Hinsicht immer mehr auf dem Spiel steht.

EFSA und die GVO-Drehtür

Der derzeitige Vorsitzende des GVO-Ausschusses bei der EFSA ist der niederländische Molekularbiologe Harry Kuiper. In einem Offenen Brief an die EU-Kommission hat das deutsche Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie, Testbiotech e.V., darauf hingewiesen, dass bei Kuiper ein offener Interessenkonflikt besteht, den er bei seiner offiziellen jährlichen Erklärung gegenüber der EFSA nicht angegeben hat. Kuiper und Gijs Kleter, sein Kollege im Expertengremium, unterhalten enge Verbindungen zu einer von der GVO-Industrie unterstützten Organisation mit dem ganz sympathisch klingenden Namen International Life Science Institute (ILSI).

ILSI erstellt wissenschaftlich klingende Berichte über GVO, in denen die Risiken von gentechnisch veränderten Pflanzen und den entsprechenden hochtoxischen Pflanzenschutzmitteln wie Roundup regelmäßig heruntergespielt werden. Das sollte auch nicht überraschen, denn zu den Unterstützern von ILSI zählen neben Monsanto, dem weltgrößten Vertreiber von GVO-Saatgut, auch Bayer CropScience, Dupont-Pioneer, Syngenta und Dow AgroSciences sowie Nestlé, Coca-Cola, Pepsico und Kraft Foods, um nur einige zu nennen.

Doch wie es scheint, unterhält nicht nur der Vorsitzende des GVO-Expertengremiums bei der EFSA enge Verbindungen zur GVO-Industrie. Denn auch Gijs Kleter, ebenfalls ein niederländischer Wissenschaftler, der gemeinsam mit Kuiper neun wissenschaftliche Arbeiten verfasst hat, war jahrelang Mitglied des ILSI. Selbst die EFSA-Vorsitzende, die Ungarin Diána Bánáti, hat ihre Mitgliedschaft bei ILSI erst abrupt beendet, als die Verbindung bekannt wurde.

Suzy Rencken, die ehemalige Abteilungsleiterin des Bereichs Gentechnik bei der EFSA, gab ihren

Posten in Brüssel auf und wurde in Belgien Lobbyistin für den britisch-schweizerischen GVO-Konzern Syngenta. Bei der EFSA machte man sich nicht einmal die Mühe, ihr angesichts ihrer engen Verbindungen zur EFSA irgendwelche Beschränkungen für ihre neue Tätigkeit aufzuerlegen. Als sie noch für die EFSA tätig war, hatte Renken ein Interview gegeben, in dem sie stolz verkündete: »Bei den Prüfanträgen, die bislang bei der EFSA eingegangen sind, haben die Experten im GVO-Ausschuss bei keinem bestimmten GVO eine negative Wirkung feststellen können, das Anlass zu einer negativen Bewertung gegeben hätte.«

Sowohl Kuiper als auch Renckens waren Mitglied im GVO-Expertengremium bei der EFSA, das den genmanipulierten Mais MON810 von Monsanto, der in Deutschland und Frankreich verboten ist, für unbedenklich erklärt hatte.

Die Drehtür zwischen dem einflussreichen billionenschweren Agrobusiness und der GVO-Industrie einerseits und der EFSA andererseits erstreckt sich auch auf andere Sicherheitsbeurteilungen. Die EFSA hat 2009 ein wissenschaftliches Gutachten über eine potenzielle Gesundheitsschädigung durch ß-Kasomorphine und verwandte Peptide in Auftrag gegeben, da Berichte vorlagen, wonach bestimmte Peptide in industriell hergestellten Lebensmitteln eine Gefahr darstellten; berichtet wurde über eine Schädigung des Zentralnervensystems, plötzlichen Kindstod und Autismus.

Der EFSA-Studiengruppe über Peptide gehörte ein bekannter ILSA-Forscher, Renger Witkamp von der niederländischen Universität Wageningen an, wo auch Kuiper bis zu seiner Pensionierung unterrichtet hatte. Im Bericht der »Experten« an die EFSA hieß es abschließend: »Eine formelle Gefährdungsbeurteilung der EFSA für Peptide im Zusammenhang mit Lebensmitteln wird nicht empfohlen.« Zweifellos war man bei den Sponsoren der ILSA in der Agrobusinessindustrie wie Cargill, Monsanto, Nestlé, Coca-Cola, Kraft Foods oder Kelloggs mit Witkamps Arbeit zufrieden.

Was allerdings jetzt ans Licht zu kommen scheint, bedeutet, dass die EU-Kommission die GVO-freundlichen Füchse buchstäblich zu Aufpassern im Hühnerstall erkoren hat. Leider sind wir Verbraucher dabei die Hühner, oder besser gesagt die menschlichen Versuchskaninchen.

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