Menschen, die zu Abfall werden

Nur der Konsument ist wertvoll –

Thesen vom Soziologen Zygmunt Bauman

© dpaWenn Produkte hergestellt werden, entsteht Abfall, und wenn die Produkte nicht mehr gebraucht werden, entsteht noch mehr Abfall. Doch was passiert in dieser Gesellschaft mit den Menschen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman. Seine These: Die Moderne produziert überflüssige Menschen. Diese werden zu Abfall. Sie sind Verlierer des radikal-ökonomischen Fortschritts.

Eine hochexplosive Mischung aus Finanzkrise und politischer Ohnmacht, die wir nur meistern können, wenn wir unser Verhältnis zum Staat und zur Europäischen Union kritisch prüfen.

Ökonomischer Fortschritt bedeutet letztlich die Fähigkeit, Dinge, die man früher hergestellt hat, nun mit weniger finanziellem Aufwand und weniger Arbeitskraft
herzustellen. So steigt unsere Effektivität. Sobald man das tut, werden Menschen arbeitslos. Denn sie verharren in Tätigkeiten, die weniger effektiv und weniger profitabel sind. Sie können ihren Lebensunterhalt nicht mehr auf ihre traditionelle Art verdienen. Auf diese Weise produzieren wir überflüssige Menschen, menschlichen Abfall, sagt Bauman.

Arbeitslos, überflüssig, ausgegrenzt

Wenn heute eine Firma Arbeitsplätze streicht, steigen ihre Aktien. Unsere Ökonomie ist eine Ökonomie der Überproduktion und des Abfalls, so Bauman. Das überträgt sich auf die Gesellschaft und ein Teil ihrer Mitglieder wird überflüssig. Verschärft hat sich diese Ausgrenzung mit dem Übergang von einer Gesellschaft der Produzenten auf eine Gesellschaft der Konsumenten.

In einer Gesellschaft der Produzenten gibt es arbeitslose Menschen. Aber diese Arbeitslosen sind die industrielle Reservearmee. Wenn die Wirtschaft wieder floriert, wenn die Depression vorbei ist, kehren sie sofort wieder an ihre Werkbank zurück. Damit das funktioniert, muss man diese Menschen in relativ guter Verfassung halten, man muss sie gut ausbilden, pflegen, behüten und gesund erhalten. Sonst können sie nicht als industrielle Reservearmee dienen.

Konsum als Mitgliedsbeitrag zur Gesellschaft

In der Gesellschaft der Konsumenten, sind Menschen nur so lange wertvoll, wie sie konsumieren können. Der Konsum ist quasi ihr Mitgliedsbeitrag. Der Konsument wird selbst zum Konsumierten, er wird zu einer Ware, die benutzt wird von der Industrie und der Abfallgesellschaft. Ist der Nutzen einer Ware nicht mehr vorhanden, wird sie weggeworfen.

Drei Kapitel reichen aus, um die Verfechter des Wohlfahrtsstaates als Herrscher über uns Untertanen zu entlarven und verständlich Ursachenforschung zu betreiben. Staatseingriffe verhindern und zerstören Wohlstand.

Ein disqualifizierter Konsument hat einen ganz anderen sozialen Status als die industrielle Reservearmee. Ein disqualifizierter Konsument ist
völlig nutzlos, so Baumann weiter. Ein hoffnungsloser Fall für die Gesellschaft. Wenn man absolut zynisch ist, würde man sagen, unserer Gesellschaft ginge es viel besser, wenn diese armen Menschen, die keine richtigen Konsumenten sein können, einfach verschwinden würden.

Ende des Wohlfahrtsstaates

So erklärt es sich, warum der Staat sich immer weniger um seine Arbeitslosen kümmert. Er weiß, dass diese Menschen nicht mehr gebraucht werden. Sie liegen dem Steuerzahler nur auf der Tasche. Was einmal politischer Konsens war, der Wohlfahrtsstaat, der die Schwachen unterstützt und fördert, ist passé. Statt eines solidarisch handelnden Proletariats haben wir ein in permanenter Unsicherheit lebendes Prekariat.

Die Kürzung von Sozialausgaben ist heute die Zielsetzung sowohl rechter als auch linker Politik. Egal welche Partei an die Macht kommt, alle verfolgen das gleiche Ziel: Das Kürzen, Beschränken, Eingrenzen, Verringern von Sozialausgaben, einfach weil sie, wie es heißt, ökonomisch keinen Sinn machen, so Zygmunt Bauman.

Profitmaximierung statt Sicherheiten

Kann der Mensch jemals aus dieser Spirale der Profitmaximierung herauskommen? Der Soziologe ist pessimistisch. Am Anfang der Moderne stand die Hoffnung, der technische Fortschritt würde seinen Abschluss in einer besseren Welt finden. Heute wissen wir: Der Mensch ist nie zufrieden, die Modernisierung ist kein Ziel, sondern eine permanente Lebensform.

Wenn Sie modern sind, bedeutet das, dass Sie zwanghaft, besessen und suchthaft alles um sich herum modernisieren. Wenn Sie mit der Modernisierung aufhören, hören Sie auf modern zu sein. Denn die moderne Lebensauffassung ist eben das zwanghaft besessene Modernisieren. Von modernem Leben ohne Modernisierung zu sprechen, wäre so dumm, wie von einem Wind zu sprechen, der nicht weht oder einem Fluss, der nicht fließt. Natürlich ist ein Fluss, der nicht fließt, kein Fluss, sondern ein See. Und so bleibt dem modernen Menschen nur eine Gewissheit, nämlich die, dass es keine Gewissheit und keine Sicherheit mehr gibt, außer der, dass wir konsumieren müssen.

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Die moderne Massenkonsumgesellschaft ist ein Produkt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vorformen lassen sich jedoch bis in die Frühe Neuzeit zurückverfolgen.

Wer nicht mehr mitkommt in unserer Wirtschaft, ist selber schuld. Reflexhaft werden ihm Bildung, soziale Kompetenz oder gar der Arbeitswille abgesprochen.

„Raffiniert gedacht. Raffiniert geschrieben. Lesenwollen!“
Wie leben wir mit verschiedenen Produkten und warum wollen wir sie überhaupt besitzen? Wer und was wirkt bei ihrer Entwicklung alles mit?

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