Essen Sie LEBENS Mittel..

Wenn Sie echte Lebens-Mittel essen, brauchen Sie keine Regeln..

Solveig Bach

Die Werbung macht es vor, eine Familie sitzt glücklich in der Küche und isst ein Fertiggericht. Alle strahlen, niemand ist hier dick. Doch die Realität sieht anders aus, schon Kinder sind übergewichtig und Erwachsene sterben an Herzinfarkt, Krebs oder Diabetes. Beim Essen läuft etwas gründlich schief, dabei genügen wenige Weisheiten, um umzukehren. Doch wer will die schon hören?

In den USA haben Gesundheitsexperten in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen dramatischen Anstieg der stark Übergewichtigen festgestellt. Den Statistiken der Gesundheitsbehörde CDC zufolge sind mehr als 78 Millionen Erwachsene fettleibig, etwa 35 Prozent der Bevölkerung. Auch 12,5 Millionen Kinder und Jugendliche leiden bereits an starkem Übergewicht. Die Fettleibigkeit kostet allein das US-Gesundheitssystem jedes Jahr einen dreistelligen Milliardenbetrag. In den anderen Industrienationen sieht es nicht viel besser aus.

Soweit die Diagnose. Doch bei den Rezepten gegen die ständig wachsenden Pfunde der Menschen in den Industrienationen scheiden sich die Geister. Diäten, Pulver oder doch ein bisschen mehr Sport? Möglicherweise ist die Lösung viel einfacher. Der Journalist Michael Pollan, der sich seit langem kritisch mit der Nahrungsmittelindustrie auseinandersetzt, fragt ausnahmsweise einmal nicht die Experten auf der Suche nach einer Antwort.

Junge Wissenschaft

Die Ernährungswissenschaft versuche noch immer herauszufinden, was im menschlichen Körper vor sich gehe, wenn er Limonade schlürft oder warum es ausgerechnet im Magen so viele Hirnzellen gibt, schreibt Pollan in seinem Vorwort. Doch insgesamt sei die Ernährungswissenschaft noch eine sehr junge wissenschaftliche Richtung, allenfalls so weit wie die „Chirurgie im Jahr 1650“.

Lediglich zwei wissenschaftliche Erkenntnisse hätten demnach Bestand. Nummer eins: „Ausnahmslos alle Populationen, die eine Kost aus einer Menge verarbeiteter Nahrungsmittel und Fleisch, Fett, Zuckerzusätzen und raffinierten Kohlehydraten zu sich nehmen, verzeichnen einen hohen Anteil an Personen, die an den sogenannten Zivilisationskrankheiten leiden, Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.“ Nummer zwei: „Populationen, die sich nach einer traditionellen Ernährungsform ernähren, leiden unter diesen chronischen Krankheiten im Allgemeinen nicht.“

Von der Überflussgesellschaft zum verantwortlichen Konsum

Pollans Schlussfolgerung daraus lautet: Die traditionellen Ernährungsformen machen irgendetwas richtig, was viele Menschen inzwischen gründlich falsch machen. Was aber verbindet die Inuit, die sich überwiegend von fettem Robbenspeck ernähren, mit den Indianern in Mittelamerika, die reichlich Kohlehydrate in Form von Mais und Bohnen konsumieren und den Massai in Afrika, deren Speiseplan als Tierblut, Fleisch und Milch vor allem geballtes Protein enthält? Offenbar gibt es für den Menschen mehr als eine ideale Ernährungsform. Die gemeinsamen Regeln suchte Pollan bei unseren Vorfahren.

Gesunder Menschenverstand

Die daraus entwickelte Regel lautet: „Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte“, und so nennt Pollan auch sein Buch, dass die Malerin Maira Kalman phantasievoll illustriert hat. Auf drei Sätze ausgedehnt lautet Pollans goldene Essensregel: „Essen Sie Lebens-Mittel. Nicht zu viel. Und vorwiegend Pflanzen.“ Doch weil man damit nicht 200 Seiten füllen kann, versucht Pollan diesen Regeln alltagspraktischen Atem einzuhauchen. Herausgekommen sind 83 Merksätze für eine gesunde und gute Ernährung, die in ihrer Schlichtheit oft verblüffend wirken.

Es sind vielleicht eher Lebensweisheiten, die Pollan bei Volkskundlern, Anthropologen, und Medizinern, vor allem aber Müttern, Großmüttern und Urgroßmüttern zusammengetragen hat. Sie lauten beispielsweise: „Meiden Sie Nahrungsprodukte mit Zutaten, die ein Drittklässler nicht aussprechen kann.“ Oder: „Essen Sie nur Lebensmittel, die verderben können.“ Oder „Süßen und Salzen Sie Ihr Essen selbst.“ Es sind aber auch Hinweise, die die Lebensqualität oder die Essensatmosphäre berühren, beispielsweise „Trinken Sie zum Abendessen ein Glas Wein.“ Oder: „Stellen Sie einen Blumenstrauß auf den Tisch.“

Warum Lebensmittel und Lebensmittel-Industrie nicht zusammenpassen

Pollan hat ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die hochverarbeiteten, dauerhaltbaren „Lebensmittel“ geschrieben, die heute die Supermärkte füllen. All die Fix-und-fertig-Essen, die nur noch aufgewärmt oder eingerührt werden müssen, um wie eine Mahlzeit anzumuten und die doch so gut wie nichts mehr mit einem wirklichen Essen zu tun haben. Dazu passt die Regel: „Meiden Sie Nahrungsmittel, für die im Fernsehen geworben wird.“ Nachdenklich könnte man aber auch bei Regel Nummer 20 werden: „Essen Sie keine Lebensmittel, die an Orten hergestellt wurden, an denen jeder eine Chirurgenhaube tragen muss.“

Stattdessen wirbt er für einfache, selbst gekochte Gerichte, für kleine Einkäufe und ein wenig mehr Achtsamkeit beim Essen. Denn niemand zwingt Millionen Verbraucher, sich von Fertiglasagne und ähnlichen Produkten zu ernähren. Ein Tomatensalat mit etwas Olivenöl und eine frische Scheibe Brot – das war früher ein Essen und ist es immer noch. Auf Seite 94 ist ein Teller zu sehen mit Möhren, Birnen, Trauben, Gurkenscheiben, einer Tomate, etwas Brot und Wasser und einer Salami – dazu kommt Regel 24, die vielleicht die Quintessenz des Buches ist: „Wenn Sie echte Lebens-Mittel essen, brauchen Sie keine Regeln.“

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