Gestank der Könige?

Sebastian Herrmann:

Stinkender Urin nach dem Spargel-Essen

Die Frage passt nicht so ganz zum kulinarischen Hochgenuss, den das Gemüse derzeit wieder verspricht. Uns interessiert sie trotzdem sehr: Warum verleiht Spargel dem Harn oft einen unappetitlichen Geruch?

Spargel enthält mehr als 20 Stinkstoffe.
(Foto: dpa)

Spargel wird alljährlich zum König des Gemüses ausgerufen. Die Krönungsmesse für die bleichen Stangen beginnt im April, die kulinarische Regentschaft des Spargels reicht weit in den Mai hinein. In dieser Zeit wird ein riesen Gewese um das Gemüse veranstaltet – das in absurden Heilsversprechen (Entschlackung!) und nahezu religiöser Verzückung gipfelt (göttlich!).Eine Eigenschaft bringt der Spargel jedoch mit sich, die gar nicht zu dieser Überhöhung der bleichen Stangen passt: Das Gemüse lässt den Urin vieler Menschen nach Verzehr ziemlich übel riechen. Warum nach dem Spargelessen aus manchen Toilettenschüsseln grässlicher Geruch aufsteigt und aus anderen nicht, das ist tatsächlich noch nicht restlos geklärt. Doch die Wissenschaft hat einige wohlbegründete Vermutungen anzubieten.Spargel wirkt auf jeden Fall harntreibend. Die Stangen bestehen zu mehr als 90 Prozent aus Wasser und enthalten zudem reichlich Kalium sowie Asparagusinsäure, mit der sich Pflanze eigentlich vor Bakterienbefall schützt. Das scheucht Flüssigkeit durch die Nieren aus dem Körper und den Spargelesser auf die Toilette. Doch welcher Stoff ist für den üblen Geruch verantwortlich?

Verwandtschaft mit dem Drüsensekret des Stinktiers

Egal ob als feine Suppe, in bunten Salaten, begleitet von Fisch oder Fleisch, als knusprig frittierte Fingerfood-Stangerl, pikante Spargelknödel, feurig-vollmundiges Spargelcurry, als würzig-cremigen Spargelaufstrich oder im Ofen überbacken in zarter Pfannkuchenhülle.

Der polnische Chemiker Marceli Nencki machte Ende des 19.
Jahrhunderts das Molekül Methanethiol verantwortlich – das in leichten Variationen auch im Drüsensekret des Stinktiers enthalten ist. Der Forscher ließ damals einige Männer je zwei Kilogramm Spargel essen, sammelte deren Ausscheidungen und analysierte sie. Geklärt war die Frage nach dem Königsmolekül des Gemüsegestanks damit allerdings noch nicht. In den vergangenen 100 Jahren haben Chemiker und andere Wissenschaftler der Liste der Spargel-Stinkstoffe mehr als 20 weitere Substanzen hinzugefügt. Bei vielen handelt es sich um schwefelhaltige Verbindungen, die bei der Verdauung der Asparagusinsäure entstehen – und die alle entsetzlich komplizierte Namen tragen. Welches dieser Moleküle der größte Stinker ist, darüber herrscht noch einige Unklarheit.

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Umstritten war lange auch die Frage, warum nicht alle Menschen
die Nebenwirkungen des Spargelgenusses erleben. Die zwei möglichen Antworten lauteten: Weil nur etwa die Hälfte aller Menschen die übel riechenden Substanzen ausscheiden. Oder: Weil nur die Hälfte aller Menschen den Geruch dieser Verbindungen wahrnehmen kann. Mittlerweile schält sich eine Lösung des Rätsels heraus, die beide Antworten kombiniert: Nicht alle Menschen haben die Stinkestoffe im Urin, wenn sie Spargel essen und nicht alle können diese Moleküle riechen. Das legt unter anderem eine Studie nahe, die vor gut zwei Jahren veröffentlicht wurde und für die der Urin und der Geruchssinn von Spargelessern intensiv untersucht wurde.

Sicher ist, dass beides genetische Ursachen hat. Wenn der Körper Asparagusinsäure zu stinkenden Schwefelverbindungen verstoffwechselt, ist dies erblich bedingt. Und wer das Glück hat, dass seine Nase auf die Moleküle nicht anspringt, lebt wohl mit einer Mutation in einem Geruchsrezeptor-Gen. Diese Menschen erfahren höchstens von wenig diskreten Toilettennachbarn, dass der König des Gemüses schwefelhaltige Verbindungen aus ihrem Körper treibt.

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